Heute: Das neue Album der Berliner Band BED wird euch um den Schlaf bringen. Dazu ein Gedicht übers Anstehen. Und: Paul McCartney lebt – noch. Über den Stress, einen alten Musiker zu verehren.
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Na?
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Wie viel Hall ist zu viel Hall? Das kann ich nicht beantworten, doch BED versuchen auf ihrem Album EVERYTHING HURTS dieser Frage in einem praktischen Versuch auf den untersten Grund zu gehen. Vielleicht ist EVERYTHING HURTS für manche die Antwort auf die Frage. Ich hingegen fühle mich genau in diesen fuzzy Effekten besonders wohl und denke, diese Ausgeburt des Echos ist das musikalische Äquivalent eines Spiegelkabinetts. Hier holt man sich kichernd eine Klatsche ab, weil man am Ende seinen eigenen Sinnen nicht mehr trauen kann. – Rosalie
EVERYTHING HURTS zeichnet in den Songs im Grunde Musikgeschichte nach: Der erste Track beginnt bei Dream Pop, mausert sich dann mit schrammeligeren Gitarren zum Shoegaze und die dumpfen, repetitiven Synths und Beats manövrieren dieses Album geradewegs in die Gefilde des Postpunk. Die Effektgeräte glühen also und ständig übersteuert etwas. Sowieso versteht man nicht viel, braucht man ja auch nicht, um mitzufühlen. Ich liebe es, dass beim Shoegaze die Stimme einfach eingesogen wird und in der Mitte von Instrumenten steht: Sie ist nicht die melodiöse Kraft im Vordergrund, die wir vom Pop kennen, sondern Teil des sirenenhaften Krachs (klingt widersprüchlich, aber durch den ganzen Hall haben die scheppernden Sounds plötzlich etwas gleißend Strahlendes, Liebliches an sich). Die Berliner Band BED beweist ganz besonders meisterhaft, dass man einprägsame Songs produzieren kann, ohne, dass jemand je ein Wort der Lyrics verstehen muss, denn obwohl ich keinen blassen Schimmer davon habe, worum es in "Throat" geht, rotiert der Singsang mit dem Echo einer Tropfsteinhöhle seit Wochen in meinem Kopf. Der Pressetext schmeißt mir Lyrics entgegen und lobt die relativ sexuellen Songtexte – ist mir schnuppe: Ich versteh nichts und ich will auch gar nichts verstehen. Obwohl Mitsingen sonst so viel Freude bereitet, schmeiße ich für BED den Drang nach Worten geradewegs aus dem Fenster und leg mich in die phonetische Geisterbrühe, die mich umwabert. Ist es die U-Bahn oder ein Synth? Ist das mein eigener Atem oder ein Reverb? Ich weiß es nicht und verliere mich. Das einzige, was man wirklich gut verstehen kann, ist der gesprochene, anrüchige Track "You're Not My Real Sun" (guter Wortwitz).
Dieses Album ist
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Anspieltipps: "nico and sol at home" (sphärischer Höhepunkt) "loser" (verwandelt selbst den hellsten Sommerspaziergang in nächtlich getriebene Heimwege)
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Kennt ihr FÜNFTER SEIN, das Gedicht von Ernst Jandl? Fünf Leute warten beim Arzt. Das weiß man aber erst am Ende, bis dahin ist nicht ganz klar, wohin die Tür führt und warum sich aufgereiht wird. Ähnlich wie beim Anstehen vorm Club, dachte ich neulich. Hier also eine Umdichtung. Ihr könnt sogar das Ende selbst auswählen: – Melanie fünfte*r sein (club edition)
tür auf
dreie raus eine*r rein vierte*r sein
tür auf eine*r raus eine*r rein dritte*r sein
tür auf eine*r raus keine*r rein dritte*r sein
tür auf fünfe raus zweie rein nächste*r sein
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ENDE A tür auf eine*r raus sorryheutenicht
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ENDE B tür auf eine*r raus selber rein ichstehaufdergästeliste
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PS: Das ist übrigens schon das zweite Jandl-Gedicht, das ich für den Newsletter bearbeitet habe. In Ausgabe #37 hat Brenda Blitz von mir eine Rezension in Form von "Ottos Mops" bekommen.
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Seit drei, vier Jahren wache ich hin und wieder mit dem Gedanken auf, dass Paul McCartney bald sterben wird. Nicht sehr oft. Aber schon so ein- bis zweimal im Monat. Ich mache die Augen auf und es ist das Erste, was mir in den Kopf schießt: Paul McCartney wird bald sterben. Für ein paar Menschen ist er natürlich schon am 9. November 1966 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Für mich lebt er noch. Aber die Vorstellung, dass sich das bald ändern könnte, macht mich natürlich traurig. Letzten Freitag bin ich wieder damit aufgewacht – Ein Gastbeitrag von Martin Hommel
Der Fakt, dass Paul McCartney irgendwann das Zeitliche segnen wird, ist erstmal keine Überraschung. Da müssen wir früher oder später alle durch. Und der Mann wird heute 83 Jahre alt. Daran ändern auch seine vegane Ernährung und seine knallharte Daily-Health-Routine nichts:
"I do a bit of the cross-trainer, a bit of running, a bit of cardio, and then I do some weights, some abs on the Swiss ball, before ending up on the mat doing a few stretches. And then standing on my head."
Warum reißt mich der Gedanke an seinen bevorstehenden Tod überhaupt so regelmäßig aus dem Schlaf? Vielleicht ist es ein Versuch, mich mental vorzubereiten. Wenn ich es nur oft genug durchspiele, trifft es mich, wenn es tatsächlich so weit ist, nicht mehr ganz so eiskalt. Oder steckt dahinter die Angst vorm eigenen Älterwerden? Wenn die Idole sterben, stirbt dann auch ein Stück meiner eigenen Geschichte? Naja, jedenfalls, immer wenn ich mit dem Gedanken, dass Paul McCartney bald sterben wird, aufwache, höre ich auf dem kurzen Weg in mein Büro (ziemlich genau 15 Minuten) diese fünf Songs:
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Getting Better (die eine problematische Line versuche ich auszublenden) Get Back (in Gedenken daran, wie Ringo und George völlig high dasitzen und es auch nicht fassen können, wie Paul den Song einfach so raushaut)
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Manchmal tausche ich einen aus und packe entweder "Coming Up" oder "The Long And Winding Road" (natürlich nicht die Phil-Spector-Version. Die mag Paul ja auch nicht – überproduziert, Streicher zu laut, Beatles zu leise, mit Pauls Worten: "Don't ever do it again.") mit rein. Für längere Strecken habe ich sicherheitshalber eine Extra-Playlist, die ich allen ans Herz legen möchte, die bisher keinen Zugang zu Paul McCartney hatten – wie auch immer das geht, aber ok.
Wenn ich die fünf Songs gehört habe, bin ich zwar immer noch traurig, aber zumindest habe ich 15 Minuten mit Paul McCartney verbracht. Paul McCartneys Kompositionen sind absolut magisch. Mir fehlen die Worte, um das besser zu beschreiben. Ich habe jetzt auch keine Lust, Zeit mit einer Beschreibung zu verschwenden. Zeit ist ja gerade mit Blick auf sein Alter zu wenig vorhanden. Alles in einen Song, in eine Line, eine Melodie reinzuhauen, das können viele gut. Aber wenige können das so gut wie Paul McCartney. Dabei kenne ich nicht mal alle seine Songs. Wie soll das auch gehen? Der Mann macht seit über 60 Jahren nonstop Musik. Sein Einfluss auf die Popkultur ist gigantisch – und für mich in Gänze absolut nicht greifbar. Aber er beschäftigt mich schon fast mein ganzes Leben.
Als ich 14 Jahre alt war, habe ich mal den kompletten Beatles-Katalog inklusive B-Seiten und weirder Coverversionen via Torrent heruntergeladen. Sehr zum Ärger meines Vater, der unsere ISDN-Leitung mehrere Wochen nicht nutzen konnte. Das hat wirklich ewig gedauert und durfte unter keinen Umständen abgebrochen werden. Bis heute wundert es mich, dass er nicht einfach den Stecker gezogen hat. Muss ich ihn mal drauf ansprechen.
Danach habe ich alles per 1-fach-Brenner auf Rohlinge gebrannt. Das hat nochmal mehrere Tage gedauert. Die Cover mussten ja auch noch gedruckt und ausgeschnitten werden. Absoluter Irrsinn. Als alles fertig war, habe ich die CDs (es waren sehr viele) meiner damaligen Freundin geschenkt. Als überforderter Teenager war das für mich ein völlig logischer Liebesbeweis. Ob sie sich darüber gefreut hat, weiß ich nicht. Die Übergabesituation war auf jeden Fall merkwürdig: Sie stand da mit sehr, sehr vielen CDs im Arm – und wusste nicht so recht, was sie sagen soll. Die Beziehung hielt nicht allzu lang.
Jedes Mal, wenn ich wieder von Paul McCartneys bevorstehendem Tod geweckt werde, checke ich seine Homepage nach Tourdaten. Es ist ein Lebenstraum, der mir ein bisschen peinlich ist, aber mir war immer klar: Ich muss ihn irgendwann live sehen – mit ihm (und 20.000 anderen Menschen) in einem Raum stehen.
Letztes Jahr war es soweit: Traum → Blick auf seine Webseite → neue Tourdaten → Got Back Tour 2024 → 19. Dezember, O2 Arena in London → das ist meine Chance! Natürlich nehme ich den Pre-Sale mit, natürlich bezahle ich über 400 € für zwei Tickets, natürlich fahre ich nach London, stehe vor dem Konzert ein paar Stunden vor seinem Wohnhaus in der Cavendish Avenue, um ihn vielleicht kurz zu sehen (hat nicht geklappt, aber er war definitiv da – viel Gewusel hinter den hohen Gates, Security, eine Frau mit Yoga-Matte geht rein, ein Mann mit einem zweimeterdreißig hohen Kontrabass steht neben mir in der Schlange).
Und dann: das Konzert. Ich war vorher unfassbar nervös. Ich hatte Angst, dass es mich überfordern wird, dass es zu viel ist, mit Paul McCartney in einem Raum zu sein. Die Songs, die mich mein ganzes Leben begleiten, live zu hören. Und vielleicht hatte ich auch ein wenig Angst vor der Frage: Was ist danach? Wenn sich dieser Lebenstraum erfüllt hat, träume ich dann immer noch von seinem Tod?
Als Paul McCartney um 20:20 Uhr auf die Bühne kommt und mit seiner Band den Fadd9-Intro-Akkord von "A Hard Days Night" ins Publikum schmettert, ist das alles erstmal weg. Die folgenden 35 Songs bzw. 3 Stunden und 8 Minuten bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Paul McCartney spielt uns einmal durch sein Leben – von den ganz frühen Quarrymen, über die Herzschmerz-wilden Beatles-Jahre, seine ersten Solo-Versuche, Wings, bis ins Jetzt. Zugegeben, es war die Playlist, die er seit Jahrzehnten spielt, mit den Ansagen, die er seit Jahrzehnten macht, und die ich in schlaflosen YouTube-Nächten alle schon gehört habe. Natürlich ist er bei "Live and let die" auch wieder explodiert. Klar.
Aber fuck it – Paul McCartney spielt da gerade nur für mich (und 20.000 andere Menschen – Eltern mit Kindern, Freund*innen, Menschen, die sich gerade kennenlernen, Hipster-Pärchen, Hippie-Pärchen, alt, jung, irgendwas dazwischen) und das mit so viel Freude, Witz und Charme.
Wobei: Ringo war zu diesem Zeitpunkt keine Überraschung mehr. Ich hatte aus Versehen Tickets direkt neben der VIP Area gekauft. Sämtliche Promis mussten unmittelbar an unseren Plätzen vorbei. Und so standen vor der Show die komplette McCartney Familie (James, Mary, Stella, Nancy), Kate Moss (!), George Clooney und Amal Alamuddin (!!), Bobby Gillespie, Ed Sheeran, Martin Freeman, Simon Pegg und Hannah Waddingham für ein paar Minuten direkt neben uns. Und eben auch Ringo Starr zusammen mit Ronnie Wood – auf die mich die Frau neben mir mit wackeliger Stimme aufmerksam machte: "Eh sorry, I think it's Ringo Starr right behind you." Ich hätte ihn anfassen können. Wild, toll und ein Abend, den ich für immer für mich haben werde.
2007 hat Paul McCartney einen Song veröffentlicht, in dem er beschreibt, wie er sich seinen Todestag so vorstellt:
At the end of the end It′s the start of a journey To a much better place And this wasn't bad So a much better place Would have to be special No need to be sad On the day that I die I′d like jokes to be told And stories of old To be rolled out like carpets That children have played on And laid on while listening To stories of old (The End Of The End – Paul McCartney)Mein Lebenstraum hat sich erfüllt. Aber ich träume immer noch von Paul McCartneys Tod – nur in anderer Qualität. Aus parasozial wurde parasozial-in-präsenz. Ich saß ein paar Meter vor ihm. Sein Gesicht echt, aber alt. Seine Stimme eine, die ich viel jünger kenne. Der Traum ist nicht verschwunden – aber er hat die Perspektive gewechselt. Nicht, dass es jetzt leichter wäre, aber manchmal denke ich nach dem Aufwachen: Auch wenn er bald stirbt, wird er doch nie sterben.
Beim Gedanken an die Sterblichkeit welcher Musiker*innen schießen euch die Tränen in die Augen?
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Das war's für dieses Mal. Inspiriert von Martin hat Melanie gestern in der U-Bahn daran gedacht, dass Frank Schöbel ja auch nicht mehr der Jüngste ist. Da hat sie auch direkt angefangen zu weinen. Rosie ist heute Nacht um halb fünf mit Tränen in den Augen aufgewacht, weil sie Wolf Alice interviewen durfte. Musik ist 'ne ganz schöne Macht.
Die nächste Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER erscheint am 2. Juli.
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